AKTIONSBÜNDNIS BELEUCHTET DIE LEBENSSITUATION VON RÜCKENSCHMERZPATIENTEN

Je gezielter und umfassender, desto erfolgversprechender. Auf diese Kurzformel lassen sich die Erfahrungen von Patienten bringen, die wegen Rückenschmerzen in einer Praxis für Schmerztherapie behandelt wurden. Die vom Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster durchgeführte Untersuchung zeigt: Patienten, die durch ihre Krankenkasse zur Teilnahme an einem Spezialprogramm in einer solchen Praxis bewegt wurden, können subjektiv ihre Rückenschmerzen besser bewältigen als Menschen, die jahrelang außerhalb dieser Spezialzentren behandelt wurden. Doch auch Patienten mit langjährigen Schmerzkarrieren profitieren von der ganzheitlichen Behandlung in solchen Einrichtungen.

„Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass wir aufgrund des Umfangs der Interviews nur eine kleine Auswahl an Patienten befragen konnten. Die Tendenzen gehen jedoch alle in eine ähnliche Richtung.“ So ordnet der Leiter des Aktionsbündnisses Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink die Aussagen ein. Interessant sei vor allem, dass Patienten, die über ein sogenanntes Integriertes Versorgungs-Programm ihrer Krankenkasse gezielt zum Schmerzspezialisten geschickt wurden, insgesamt positiver gestimmt sind als solche, die erst nach vielen Jahren hausärztlicher oder orthopädischer Behandlung den Weg dorthin gefunden haben.

Das Besondere an Praxen, die auf Schmerztherapie spezialisiert sind, ist die sogenannte „multimodale Schmerztherapie“. Das ist eine Kombinationstherapie aus z.B. Medikamenten, Physiotherapie, Akupunktur sowie psychologischer Behandlung. „Augenblicklich hat leider nur eine geringe Zahl der Schmerzpatienten Zugang zur dieser besonderen Therapieform“, erläutert Professor Osterbrink.

Die befragten Patienten empfanden diesen interdisziplinären Ansatz als sehr positiv. Man lerne z.B. in der Psychotherapie, den Schmerz mental zu bewältigen. Auch die Physiotherapie wurde als besonders effektiv empfunden. Besonders gelobt wurde zudem, dass die teilnehmenden Schmerztherapeuten sich viel Zeit für Gespräche nahmen.

Die Teilnehmer am IV-Programm berichteten übereinstimmend, dass sie durch die Behandlung, die in der Regel vier bis acht Wochen dauert, ihren Alltag wieder deutlich besser bewältigen und sogar direkt im Anschluss ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Die anderen befragten Patienten berichteten rückblickend, dass sie wohl zu lange mit dem Aufsuchen eines Schmerzspezialisten gewartet hätten oder erst sehr spät dorthin überwiesen worden wären. Dadurch sei der Schmerz zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden, der sie in ihrer Alltagsbewältigung sehr belasten würde. Man fühle sich auch auf gewisse Weise begrenzt, weil man zum Teil eingeschränkt in der Arbeit und auch in der aktiven Freizeitgestaltung sei, berichtete der Großteil dieser Langzeitpatienten.

Derzeit ist von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe geregelt, dass jeder Schmerztherapeut nur 300 Patienten pro Quartal behandeln darf. „Doch nicht nur die Fallzahlminimierung ist zu beklagen“, erläutert Schmerztherapeut Ralf Heidlindemann. „Wir brauchen viel mehr qualifizierte und spezialisierte Kollegen, um den enormen Bedarf der Patienten überhaupt bewältigen zu können – und die finden wir nur bei adäquater Vergütung.“ Aufgrund der geringen Dichte der Schmerztherapeuten komme es oftmals zu Wartezeiten von bis zu fünf Monaten „Das ist weder im Sinne der Patienten noch der Volkswirtschaft, denn ohne eine adäquate Schmerztherapie verlängern sich gerade bei Rückenschmerzpatienten die Krankheitszeiten oft dramatisch“, erklärt Schmerztherapeut Dr. Klaus Wrenger.

„Sprechende Medizin, also die intensive Gesprächsführung, ist gerade bei Rückenschmerzen unersetzlich. Das Team in der Schmerzpraxis muss viel Aufklärungs- und Detektivarbeit leisten – egal, ob es um die richtige Medikamenteneinnahme, die richtige Körperhaltung oder auch die richtige seelische Einstellung geht“, bilanziert Prof. Jürgen Osterbrink. Das Aktionsbündnis werde sich deshalb auch weiterhin im Interesse der Patienten dafür einsetzen, den Ausbau der Schmerztherapie auch auf gesundheitspolitischer Ebene voranzutreiben. „Die multimodale Schmerztherapie muss selbstverständlich werden, damit wir gerade Rückenschmerzpatienten schneller wieder ins Arbeits- und Sozialleben integrieren können.“