PODIUMSDISKUSSION: SCHMERZMANAGEMENT AUF DEM PRÜFSTAND

Arzthopping, zahlreiche unzureichende Behandlungen, Kapazitäten-Mangel, Rabattverträge – die Defizite in der Schmerztherapie sind Münsters gesundheitspolitischen Akteuren bestens bekannt. Bei der Podiumsdiskussion des „Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster“ anlässlich des zweiten Hausärztetages Münsterland am 3. September wurden eben diese thematisiert. Kontroverse Standpunkte sorgten dabei für einen konstruktiven Dialog zwischen Vertretern von Ärzteverbänden, Krankenkassen und Verwaltung. Unter dem Motto „Schmerzmanagement: Qualität im Fokus?“ war eine verbesserte Versorgung von Schmerzpatienten gemeinsam ausgeschriebenes Ziel.

„Patienten haben eine hohe Leidensfähigkeit“, erklärte Dr. Ralf Becker, der auf Kompetenzlücken der Ärzteausbildung verwies. Eine fundierte Aus-, Fort- und Weiterbildung ist laut dem Vorstand und Sprecher des Hausärzteverbunds Münster (HVM) unabdinglich. Bislang unterlägen „Kenntnisse der Schmerztherapie sozusagen der eigenen Fortbildungslust“.

Auch der Leiter des Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster, Univ.-Prof. Dr. Jürgen Osterbrink, sieht hier ein Manko: Bis heute sei Schmerzmanagement kein fester Bestandteil der pflegerischen und ärztlichen Ausbildung. Selbst ausgebildete Pflegende und Ärzte könnten ihre gesamte Ausbildung durchlaufen, ohne auch nur die Grundlagen der Schmerztherapie zu lernen. „Gerade darum sind Diskussionen gemeinsam mit allen Akteuren wichtig, um Vorschläge zu Strukturoptimierungen zu erarbeiten“, so Osterbrink.

Intensiv diskutierten die Teilnehmer auch über die richtige Medikation bei chronischen Schmerzpatienten. Opioide werden in Deutschland im weltweiten Vergleich selten verordnet. Der Dezernatsleiter für Öffentliche Gesundheit der Bezirksregierung Münster, Dr. Bernhard Thülig – von Haus aus Anästhesist – führte dies vor allem auf eine große Unsicherheit zurück: „Bei zahlreichen ärztlichen Kollegen ist eine tiefsitzende Angst zu spüren vor der Verordnung von stark wirksamen Opioiden“, stellte er fest. Der sogenannte ‚Morphin-Mythos‘, dass solche Präparate nur für Patienten in der letzten Lebensphase geeignet seien, halte sich wider besseren Wissens beständig. Auch Patienten hätten häufig Vorurteile, wusste Becker.

Weiterer Kritikpunkt waren in diesem Zusammenhang auch die sogenannten Rabattverträge, die die Apotheken zur Herausgabe preiswerterer Medikamente verpflichten. „Gerade im Bereich der hochwirksamen Opioide kann die Austauschpflicht mitunter schwerwiegende Folgen haben“, betonte Birgit Fischer, Vorsitzende der BARMER GEK. Folgen, die eine aktuelle Studie unter Schmerzpatienten skizziert: Rund 80 Prozent solcher umgestellter Patienten litten trotz gleichem Wirkstoff an gravierenden Nebenwirkungen und erhöhten Schmerzen. „Deshalb muss darüber diskutiert werden, ob diese Schmerzmittel aus der Austauschpflicht ausgenommen werden können“, ergänzte Fischer.


Diskutierten im Rahmen des Hausärztetags über Herausforderungen und Chancen des Schmerzmanagements (v.l.): Thomas Paal, Gesundheitsdezernent der Stadt Münster, Dr. Ralf Becker, Hausärzteverbund Münster, Dr. Barbara Wilm, Praxis für ganzheitliche Schmerztherapie, Dr. Christof Mittmann, Facharztinitiative Münster, Birgit Fischer, Vorsitzende der BARMER GEK, Prof. Dr. Jürgen Osterbrink, Projektleiter „Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster“, Dr. Bernhard Thülig, Leitender Regierungsmedizinaldirektor und Dr. Klaus Wrenger, Schmerztherapiezentrum Münster.
Die Diskutanten in Münster begrüßen den Schulterschluss gegen den Schmerz.
Diskutieren die richtige Medikation für chronische Schmerzpatienten: (v.l.) Birgit Fischer, Dr. Bernhard Thülig.
Diskutieren die richtige Medikation für chronische Schmerzpatienten: (v.l.) Birgit Fischer, Dr. Bernhard Thülig.
Das Aktionsbündnis lud zu einer Podiumsdiskussion anlässlich des Hausärzetages Münsterland.
Das Aktionsbündnis lud zu einer Podiumsdiskussion anlässlich des Hausärzetages Münsterland.

Des Weiteren mahnte die ehemalige NRW-Gesundheitsministerin ein „wirtschaftliches Umgehen mit vorhandenen finanziellen Mitteln“ an. „Viele Mittel werden auch falsch eingesetzt“, sagte Fischer und forderte, Grundlagen zu schaffen, die „vermeiden, dass Schmerz chronifiziert“. Eine Vernetzung aller „Institutionen und Organisationen“ sei der Schlüssel. Grundlage sei jedoch eine solide Datenlage, um die Situation fundiert beurteilen zu können. „Dazu trägt das Projekt entscheidend bei. Sicher gibt es Versorgungslücken, jetzt sind wir aber soweit, diese zu identifizieren“, so Fischer.

Ungeklärte Zuständigkeiten im Schmerzmanagement sind nach den Erfahrungen von Dr. Christof Mittmann, Sprecher der Facharztinitiative Münster, ein wichtiger Grund für das sogenannte „Doctor Hopping“. So plädierte der niedergelassene Orthopäde und Unfallchirurg für eine bessere Vernetzung und Umstände, die „gezielte Arbeit und gezielte Diagnostik“ ermöglichen. Häufig warten Schmerzpatienten oft monatelang auf einen Termin. Schmerzspezialist Dr. Klaus Wrenger führte diese Schieflage auf zu wenig ausgebildete Schmerztherapeuten zurück: „Viele Schmerzpraxen haben aus betriebswirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Ich erwarte, dass sich noch weniger in dem Bereich spezialisieren. Es ist oft auch eine sehr schwere Arbeit mit Patienten, die so lange krank waren, umzugehen.“

Zusätzlich führt die sogenannte Fallzahlbegrenzung – in Münster dürfen ausgewiesene Schmerzpraxen maximal 300 Fälle pro Quartal behandeln – zu langen Wartezeiten. „Schmerz ist individuell. Eine multimodale Therapie, die biologische, psychische und soziale Aspekte der Schmerzerkrankung umfasst, ist erforderlich“, hob Schmerztherapeutin Dr. Barbara Wilm hervor und schloss einen „Appell an Krankenkassen und Stadt“ an: „Aufgrund wirtschaftlicher Bedingungen sind wir oft nicht in der Lage das, was wir wissen, auch durchführen zu können.“

Regierungsmedizinaldirektor Thülig begrüßte die Forschung des Aktionsbündnisses als richtungsweisenden Schulterschluss gegen den Schmerz: „Das münsterische Aktionsbündnis hat Modellcharakter, ich kann mir durchaus vorstellen, das Projekt auf das gesamte Münsterland auszuweiten.“ Denn nicht zuletzt sei die Gesundheitswirtschaft mit rund 92.000 Beschäftigten der zweitgrößte Wirtschaftszweig in der Region. Rund 30.000 dieser Arbeitsplätze entfallen dabei auf die Stadt Münster.

Sein Pendant bei der Stadt Münster, Sozial- und Gesundheitsdezernent Thomas Paal betrachtete auch die ökonomische Perspektive: So gingen jedes Jahr europaweit fast 500 Millionen Arbeitstage durch chronischen Schmerz verloren – das koste die europäische Wirtschaft mindestens 34 Milliarden Euro. Reduzierte Krankenstände sind folglich auch in Münster ein wichtiges Ziel: „Ich bin froh, dass wir das Aktionsbündnis haben, es schafft uns die Grundlagen, richtig tätig werden zu können“, so Paal. „Dann können die Zahnräder ineinandergreifen.“


Diskutierten Strukturveränderungen in der kommunalen Versorgung von Schmerzpatienten: Dr. Christof Mittmann, Dr. Klaus Wrenger, Dr. Bernhard Thülig und Thomas Paal.
Dr. Christof Mittmann (links) plädiert für eine bessere Vernetzung im Schmerzmanagement. Dr. Ralf Becker fordert eine bessere Ausbildung der Ärzte im Bereich Schmerztherapie.
Dr. Christof Mittmann (links) plädiert für eine bessere Vernetzung im Schmerzmanagement. Dr. Ralf Becker fordert eine bessere Ausbildung der Ärzte im Bereich Schmerztherapie.
Waren sich einig, dass das Projekt Schmerzfreie Stadt das Potenzial besitzt, die Versorgung von Schmerzpatienten zu verbessern: Dr. Ralf Becker und Dr. Klaus Wrenger.