AKTIONSBÜNDNIS SCHMERZFREIE STADT MÜNSTER UNTERSUCHT BUNDESWEIT ERSTMALS DAS SCHMERZMANAGEMENT IN ALTENHEIMEN

Von den rund 11.000 Pflegeheimen in Deutschland unterziehen sich nur die wenigsten freiwilligen Qualitätskontrollen. Anders in Münster: Dort haben sich erstmals 14 Altenheime einer umfassenden Überprüfung im Bereich Schmerzmanagement gestellt. Das Ergebnis: Etwa jeder zweite Bewohner in den untersuchten Einrichtungen der stationären Altenhilfe leidet an Schmerzen. Auch bei der systematischen Erfassung von Schmerzen besteht insgesamt Optimierungsbedarf. Potential sieht das untersuchende Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster auch beim Wissensmanagement sowie in der Kommunikation zwischen Pflegekräften und den behandelnden Ärzten.

Evaluation legt den Grundstein für Verbesserungen
Evaluation legt den Grundstein für Verbesserungen

In 14 münsterischen Einrichtungen der stationären Altenhilfe analysierte das Experten-Team über 10 Monate lang die Umsetzung des Expertenstandards Schmerzmanagement in der Pflege. Analysiert wurden die Bereiche Schmerzerfassung, Medizinische Schmerztherapie, Schmerzmittelbedingte Nebenwirkungen, Nicht-medikamentöse Maßnahmen sowie Schulung und Beratung. Ausgeschriebenes Ziel: Versorgungslücken erkennen und schließen. Dafür wurden über 400 Bewohner befragt. Über 150 Pflegende gaben darüber hinaus Auskunft zu therapeutischen Maßnahmen und Arbeitsabläufen in den Einrichtungen.

„Die uns vorliegenden Untersuchungsergebnisse zur Auftrittshäufigkeit von Schmerzen in den münsterischen Altenheimen unterstützen leider die Ergebnisse aus der internationalen Fachliteratur“, beurteilt Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink. Der Leiter des Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster lobt im gleichen Atemzug die im Projekt einbezogenen Häuser für ihre bereitwillige Teilnahme. „Denn diese wissen jetzt, wo sie stehen und können gezielt etwas verändern“, so Osterbrink. Diese Bereitschaft sei gerade bei der zweifelsohne existierenden Konkurrenz in dem Pflegesegment keineswegs selbstverständlich.

Je nach Erhebungsmodus – unterschieden wurde nach Selbsteinschätzung oder Fremdeinschätzung – litten 46 bis 63 Prozent aller untersuchten Bewohner demnach irgendwann im Befragungszeitraum an Schmerzen. Vor allem Belastungen beim Gehen oder Aufstehen wurden als schmerzhaft beschrieben, oft wurde über Schmerzen in den Beinen geklagt. 45 Prozent der selbstauskunftsfähigen Befragten gaben an, selbst im Ruhezustand Schmerzen zu haben, bei rund drei Viertel jener Bewohner bestand der Schmerz zudem seit über einem Jahr. Die Ergebnisse bestätigen, dass ein fundiertes Schmerzmanagement in der stationären Altenhilfe immer wichtiger wird. Professor Osterbrink: „Insbesondere bei pflegebedürftigen Menschen führen Schmerzen schnell zu einem Teufelskreis, der nicht selten in Depression und Einsamkeit endet. Pflegende können diesen Kreis durch ein optimales Schmerzmanagement durchbrechen und dadurch die Lebensqualität der Bewohner deutlich erhöhen.“

Probleme besonders bei Menschen mit demenziellen Erkrankungen

Optimierungsbedarf sahen die Experten auch bei der Schmerz-Fremdeinschätzung, insbesondere bei demenziell erkrankten Bewohnern, die nicht mehr in der Lage sind ihren Schmerz zum Ausdruck zu bringen. Professor Osterbrink: “Die demenzielle Erkrankung im Alter ist auf dem Vormarsch – gerade in Altenheimen steigt der Anteil dementer Bewohner seit Jahren. Instrumente zur Fremdeinschätzung des Schmerzes sollten deshalb regelmäßig genutzt werden und auf strukturierter Bewohnerbeobachtung durch Pflegende basieren. Das Ergebnis muss dann mit dem jeweiligen Hausarzt kommuniziert werden, so dass situationsgerechte Maßnahmen gemeinsam eingeleitet werden können.“

Pain Nurses für alle teilnehmenden Häuser

Osterbrink lobte ausdrücklich die Bereitschaft der 151 befragten Pflegenden, sich weiter fortzubilden. Diese bewerteten bei der Befragung ihre Kenntnisse im Schmerzmanagement durchschnittlich mit der Schulnote 2,6. „Wir werden gezielt ansetzen“, erläuterte der Projektleiter. Durch bedarfsgerechte Schulungsmaßnahmen soll bis 2013 ein verbessertes Schmerzmanagement erzielt werden.
Besonders zu erwähnen: Das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster ermöglicht allen Heimen jeweils zwei Pflegekräfte zur Pain Nurse ausbilden zu lassen. Pain Nurses sind spezialisierte  Pflegekräfte, die sich primär mit den pflegerischen Aspekten der Schmerzversorgung befassen und so einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung im Schmerzmanagement leisten. Professor Osterbrink: „Dies freut uns besonders, denn damit sind die münsterischen Heime auf dem besten Weg zu einer optimierten Schmerzversorgung und übernehmen bundesweit eine Vorreiterrolle.“

Mangelnde Kommunikation zwischen Arzt und Pflegepersonal

Die Kommunikation zwischen Pflegenden und behandelnden Ärzten erwies sich in vielen der untersuchten Einrichtungen als große Herausforderung. „An dieser Grundvoraussetzung für ein effektives Schmerzmanagement werden wir gemeinsam mit dem Hausärzteverbund und der Facharztinitiative arbeiten“, so Osterbrink. Für eine vernünftige Therapie müsse die Handlungsfähigkeit der Pflegenden gewährleistet sein. Dies sei der Fall, wenn eine schriftliche ärztliche Anweisung vorliege, Medikamente vorrätig oder diese innerhalb einer Stunde verabreichbar seien.

Umfassende Qualifizierungsmaßnahmen geplant

Auch wenn die Untersuchung in mehreren Punkten Mängel aufzeigte, gaben sich die münsterischen Pflegeeinrichtungen positiv gestimmt. Arnd Wirbelauer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Altenheimleitung in Münster und Umgebung zieht eine positive Bilanz: „Unsere Teilnahme am Projekt schafft eine Sensibilisierung für das Themenfeld Schmerz in der Altenpflege und setzt zusätzliche Impulse für konzertierte Aktionen.“ Auf Seiten der Bewohner ließen sich bereits jetzt Veränderungen der Anspruchshaltung erkennen, so Wirbelauer. „Einige der Bewohner, die ihren Schmerz vorher einfach erduldeten, bringen ihn nun zum Ausdruck und nur so lassen sich entsprechende Maßnahmen eingeleiten.“

In der nun folgenden Interventionsphase soll das Schmerzmanagement in münsterischen Altenheimen mit gezielten Schulungen und der Einführung von regelmäßigen Qualitätszirkeln sowie spezifischen Instrumenten und Konzepten optimiert werden. In einem dritten Schritt erfolgt nach Einführung der Optimierungsmaßnahmen eine erneute Evaluation. Professor Osterbrink: „Alle teilnehmenden Einrichtungen zeigten sich höchst motiviert und ziehen an einem Strang. Wir sind überzeugt, dass wir das Schmerzmanagement in der münsterischen Altenhilfe gemeinsam mit Vertretern der Einrichtungen, dem Hausärzteverbund, der Facharztinitiative sowie der Apothekerkammer nachhaltig verbessern können.“