UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE ZUM SCHMERZMANAGEMENT IN DER AMBULANTEN PFLEGE: „PFLEGENDEN SIND OFT DIE HÄNDE GEBUNDEN“

Mehr als zwei Drittel aller 2,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden laut Statistischem Bundesamt zuhause von Angehörigen betreut, immer häufiger in Kooperation mit einem ambulanten Pflegedienst. Nach Angaben der Pflegestatistik 2009 stieg die Zahl der ambulant durch einen Dienst Versorgten gegenüber 2007 um zehn Prozent auf etwa 555.000. Das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster hat das Schmerzmanagement in 14 der rund 40 ambulanten Pflegedienste in Münster untersucht. Das Ergebnis: Mehr als jede zweite Pflegefachkraft ist in Bezug auf die Schmerztherapie nur eingeschränkt handlungsfähig, da schriftliche Anweisungen vom Hausarzt fehlen. Gemeinsam mit Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, diskutierte das Aktionsbündnis Möglichkeiten zur Optimierung der pflegerischen Versorgung.

Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster und Präsident des Deutschen Pflegerats erörtern mögliche Hebel zur Verbesserung
Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster und Präsident des Deutschen Pflegerats erörtern mögliche Hebel zur Verbesserung

In 14 münsterischen ambulanten Pflegediensten analysierte das Experten-Team über mehrere Monate die Umsetzung des Expertenstandards Schmerzmanagement in der Pflege. Analysiert wurden die Bereiche Schmerzerfassung, Medizinische Schmerztherapie, Schmerzmittelbedingte Nebenwirkungen, Nicht-medikamentöse Maßnahmen sowie Schulung und Beratung. Ausgeschriebenes Ziel: Versorgungslücken erkennen und schließen. Dafür wurden 146 examinierte Pflegefachkräfte befragt. In der nun folgenden Interventionsphase soll das Schmerzmanagement in der münsterischen ambulanten Pflege mit gezielten Schulungen und der Einführung von regelmäßigen Qualitätszirkeln sowie spezifischen Instrumenten und Konzepten optimiert werden. In einem dritten Schritt erfolgt eine erneute Evaluation.

„Ärzte, Pflegefachkräfte, Kostenträger, Patienten und Angehörige müssen gut vernetzt sein und kooperieren, damit pflegerische Versorgung reibungslos funktioniert. Insbesondere die enge Zusammenarbeit zwischen Pflegedienst und Hausarzt ist essentiell und erfordert einheitliche Regelungen und schriftliche Vereinbarungen. Liegen diese nicht vor, sind Pflegende in ihrer Handlungsfähigkeit ausgebremst. Dies war bei über der Hälfte der von uns befragten Pflegefachkräfte der Fall“, fasst Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink, Leiter des Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster, die Ergebnisse zusammen.

Von den 45 Prozent der Pflegefachkräfte, die generell auf schriftliche Anweisungen zurück greifen konnten, gaben lediglich 9 Prozent an, daraufhin bei allen Patienten handlungsfähig zu sein, etwa jeder Dritte war es bei manchen Patienten. Eine positive Bilanz zogen die Experten des Aktionsbündnisses bei der Bereitschaft der Pflegenden zur Fortbildung. Über 73 Prozent nahmen an Kursen zur Schmerzerfassung teil und ebenfalls über 70 Prozent besuchten Schulungen zur Schmerztherapie. Gleichzeitig lobte der Leiter des Aktionsbündnisses das Problembewusstsein der teilnehmenden Pflegedienste: „Die Einrichtungen in Münster übernehmen eine Vorreiterrolle, indem sie sich öffentlich ihren Anforderungen stellen und auf transparentem Wege aktiv an der Lösung von Problemen arbeiten.“ Bei dem ermittelten Optimierungsbedarf handle es sich um bundesweit bekannte Phänomene. Professor Osterbrink: „Insbesondere die mangelnde Handlungsfähigkeit von Fachpflegekräften verweist auf ein generelles Strukturproblem der Pflegebranche, das häufig diskutiert wird. Pflegefachkräfte könnten handeln, dürfen es oft rechtlich aber nicht. Hier ist der Gesetzgeber gefragt.“

Experten fordern Neustrukturierung der Pflegebranche

Vorschläge zur Verbesserung von Missständen in der pflegerischen Versorgung bietet der Deutsche Pflegerat, Bundesarbeitsgemeinschaft des Pflege- und Hebammenwesens und Interessensvertretung von über 1,2 Millionen Beschäftigten in der Pflege. Präsident Andreas Westerfellhaus plädiert für eine Neuausrichtung der Verantwortungsbereiche in der Pflege. Westerfellhaus: „Pflegefachkräfte übernehmen heute von der Basispflege hin zum Schmerzmanagement vielfältige Aufgaben. Effektiver wäre eine pflegerische Versorgung, in der verschiedene Gesundheitsberufe je nach Kompetenz und Qualifikation zusammen wirken. Ein Mix aus Pflegefachkräften, Akademikern und assistierenden Berufen in den Versorgungsteams würde zeitliche Ressourcen schaffen und die Qualität der Pflege deutlich erhöhen.“ Auch müsse neu geregelt werden, welche Tätigkeiten in die Zuständigkeit von examinierten Fachpflegekräften fallen und wie Ärzte und Pflegende besser kooperieren können. Westerfellhaus: „Pflegenden sind oft die Hände gebunden, diesen Knoten müssen wir lösen. Schließlich geht es bei der Pflege um Menschen, die Medizin und Therapie benötigen.“

Qualifizierung von Fachkräften bleibt größte Herausforderung

Während die Anforderungen an Pflegende sowohl fachlich als auch organisatorisch steigen, gib es immer weniger Bewerber, die diesen gerecht werden. Monika Klau-Fischer, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft ambulante Pflegedienste sieht in der Gewinnung von qualifiziertem Fachpersonal eine der größten Herausforderungen für die ambulante Pflege. Klau-Fischer: “Ambulante Pflege erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und interdisziplinärer Kooperation. Die Wissensbasis der Pflegenden muss dabei kontinuierlich vertieft werden, insbesondere das Schmerzmanagement gewinnt bei unserer täglichen Arbeit in enger Kooperation mit den Hausärzten zunehmend an Bedeutung. Wir freuen uns, gemeinsam mit dem Aktionsbündnis einen Schritt in die richtige Richtung zu tun und diesen wichtigen Arbeitsbereich zu optimieren.“

Interdisziplinäre Arbeitsgruppen geplant

In einer Interventionsphase sind in Münster nun umfassende Qualifizierungsmaßnahmen innerhalb der ambulanten Pflegedienste geplant. Neben Schulungen und Qualitätszirkeln sowie der Ausbildung qualifizierter Pflegeexpertinnen zu Pain Nurses sei auch die Einführung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe geplant. Professor Osterbrink: Die Kommunikation zwischen Pflegenden und Hausärzten erwies sich in vielen der untersuchten Pflegedienste als große Herausforderung. Um den Grundstein für eine partnerschaftliche und effektive Zusammenarbeit zu legen, soll, ähnlich dem Palliativnetz Münster, ein Expertenteam etabliert werden, in dem die einzelnen Berufsgruppen gemeinsam an einem effektiven Schmerzmanagement in der ambulanten Pflege arbeiten.“